Umwelt und Frieden zusammendenken: Environmental Peacebuilding als Chance f眉r die deutsche Friedens- und Entwicklungspolitik

Von Rebecca Froese und Janpeter Schilling
Environmental Peacebuilding verbindet Umweltprojekte mit Friedensf枚rderung. Derzeit nimmt die Bundesregierung den Klimawandel als Konfliktverst盲rker wahr, sie sollte ihn aber auch als Chance f眉r Kooperation zur 脺berwindung gemeinsamer Herausforderungen begreifen und Environmental Peacebuilding in die Sicherheits- und Entwicklungspolitik integrieren.
Eine bekannte Weisheit besagt: 鈥Gib einem Mann einen Fisch und du ern盲hrst ihn f眉r einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen und du ern盲hrst ihn f眉r sein Leben.鈥 Hilfe zur Selbsthilfe ist ein wichtiger und richtiger Ansatz 鈥 funktioniert aber nur so lange, wie die Ressourcen und Grundstrukturen auf denen die Selbsthilfe aufbaut, vorhanden sind. Trocknet der See aber aus 鈥 verschwinden die Ressourcen 鈥 muss nach Alternativen gesucht werden. Dabei stellt sich die Frage: 鈥濬indet diese Suche friedlich oder gewaltvoll statt? Fragt man politische Entscheidungstr盲ger*innen, scheint ein gewaltvoller Konflikt wahrscheinlicher. Denn in politischen Kreisen werden der Klimawandel und einhergehende Umweltver盲nderungen zunehmend als Risiko f眉r den Frieden wahrgenommen. In seiner bei der UN-Generaldebatte im September 2019 hielt Au脽enminister Maas fest: 鈥濿enn die Menschen keinen Zugang mehr zu sauberem Trinkwasser haben, ganze Ernten wegen Dauerd眉rren ausfallen und Konflikte um die wenigen verbleibenden Ressourcen beginnen, werden die Kriege der Zukunft Klimakriege sein." Auch die der Bundesregierung zur Krisenpr盲vention und Friedensf枚rderung haben den Klimawandel und gewaltsame Konflikte als zentrale Gefahren f眉r das menschliche Wohlergehen identifiziert.
Umweltver盲nderungen k枚nnen Konflikte versch盲rfen, aber auch Kooperationen entstehen lassen
Die Bundesregierung hat richtig erkannt, dass die klimawandelbedingte Verschlechterung der Umwelt- und Ressourcenlage ein Risiko f眉r den Frieden darstellt. Diese Perspektive ist jedoch einseitig. Zwar legt der aktuelle Stand der Forschung in der Tat nahe, dass der Klimawandel Umweltver盲nderungen verursacht oder verst盲rkt und damit Konflikte versch盲rfen und m枚glicherweise auch ausl枚sen kann. Dennoch 眉bersieht die deutsche Politik hier zwei zentrale Punkte. Erstens, zwischen dem Klimawandel und Konflikten besteht . Zweitens, durch den Klimawandel verst盲rkte oder ausgel枚ste Umweltprobleme k枚nnen als gemeinsame Herausforderung begriffen werden und sich so positiv auf Zusammenarbeit und Frieden auswirken. wird als bezeichnet und vom Umweltprogramm der als 鈥減rocess of governing and managing natural resources and the environment to support durable peace鈥 definiert. Environmental Peacebuilding kann in zwei Arten unterschieden werden: Erstens, Frieden als Hauptziel, das hei脽t Umweltprojekte dienen explizit dazu, nachhaltigen Frieden zu f枚rdern. Zweitens, Frieden als Nebeneffekt, das hei脽t, Ma脽nahmen in der Umweltzusammenarbeit tragen als verbindende Elemente auch zum Frieden bei. Obwohl sich Environmental Peacebuilding auch auf Umweltfragen im Allgemeinen anwenden l盲sst, fokussieren wir uns hier jedoch auf klimabedingte Umweltver盲nderungen, da diese, wie oben beschrieben, die internationalen Agenden beherrschen.
Beispielprojekte im Wassermanagment und zur Anpassung an den Klimwandel zeigen: Environmental Peacebuilding kann funktionieren
Am Beispiel von grenz眉berschreitenden Fl眉ssen und Seen zeigt sich, dass Kooperation zwischen Staaten ist, und vor Kriegen um Wasser zwar oft gewarnt wird, diese bisher jedoch die Ausnahme bleiben. Ein gutes Beispiel f眉r die erste Art von Environmental Peacebuilding (Frieden als Hauptziel), ist das Projekt 鈥炩 in Israel/Pal盲stina. Im Rahmen des Projekts der Organisation EcoPeace Middle East arbeiteten Gemeinden aus Israel, dem Westjordanland, dem Gazastreifen und Jordanien zusammen, um sich gemeinsam dem Problem der Wasserknappheit zu stellen und lokale Wasserressourcen zu erhalten. Gleichzeitig wurden verschiedene Ma脽nahmen durchgef眉hrt, um das gegenseitige Vertrauen und Verst盲ndnis zwischen den Gruppen zu erh枚hen. Das Projekt gilt auch deshalb als so erfolgreich, weil die Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene schlussendlich zu Kooperationen beim Wassermanagement auf zwischenstaatlicher Ebene gef眉hrt hat. Zum Beispiel entlie脽 Israel 2013 zum ersten Mal seit 49 Jahren wieder Frischwasser aus dem See Genezareth in den Unteren Jordan. Zudem unterst眉tze das Projekt einen Wandel auf institutioneller Ebene: im gemeinsamen israelisch-jordanischen Wasserausschuss wurde ein Unterausschusses zur Sanierung des Jordans geschaffen.
Ein Beispiel f眉r die zweite Art von Environmental Peacebuilding (Frieden als Nebeneffekt) ist das Projekt 鈥炩 in Guatemala, welches zeigt, dass Environmental Peacebuilding nicht nur ein Konzept zur Krisenpr盲vention ist, sondern auch aktiv friedensf枚rdernd wirken kann. Das Projekt nutzt die Wiedereinf眉hrung traditioneller d眉rre- und sch盲dlingsresistenter Maissorten nicht nur als Ma脽nahme zur Anpassung an den Klimawandel, sondern auch zur St盲rkung lokaler Institutionen (Frieden als Nebeneffekt), wie z.B. einer Saatenbank zur Verwaltung der Agrobiodiversit盲t. Die Vernetzung der Dynamiken lokaler Akteur*innen mit dem weiteren institutionellen Governance Kontext hat hier Fr眉chte getragen: In einer durch jahrzehntelange, gewaltsame Konflikte zerrissenen Gesellschaft wurden nicht nur erfolgreich Ma脽nahmen zur Anpassung an den Klimawandel umgesetzt, sondern auch Ans盲tze zum Abbau von gegenseitigem Misstrauen zwischen den beteiligten Gemeinschaften verfolgt.
Umwelt und Frieden zusammendenken, Krisenpr盲vention um Friedensf枚rderung erweitern, Environmental Peacebuilding ressort眉bergreifend integrieren
Der Ansatz des Environmental Peacebuilding hat bisher weder in die deutsche Au脽en- und Sicherheitspolitik, noch in die Umwelt-, Wirtschafts- oder Entwicklungspolitik Einzug gehalten. Das ist eine verpasste Chance. Die ressort眉bergreifenden zu Krisen, Konflikten und Frieden warnen zwar in einem knappen Abschnitt zu 鈥濨ev枚lkerungsdynamik, Klimawandel und Naturkatastrophen鈥 vor dem Klimawandel als Risikoverst盲rker, vers盲umen es aber, Umweltfragen als Ansatzpunkte der Friedensf枚rderung zu verstehen. Environmental Peacebuilding bietet dabei das Potential, die rein negativ gepr盲gten Narrative von 鈥濳risenpr盲vention鈥 aufzubrechen und um 鈥濬riedensf枚rderung鈥 zu erweitern. Dies w盲re besonders in Projekten mit Frieden als Hauptziel relevant, in denen Krisenpr盲vention oft auf dem sogenannten 鈥瀗egativen Frieden鈥, also allein auf der Abwesenheit von Gewalt beruht. Der Einsatz von Environmental Peacebuilding k枚nnte auf diesem Ansatz aufbauen. Environmental Peacebuiling macht nicht beim Erreichen des Minimums 鈥 der Abwesenheit von Gewalt 鈥 halt, sondern geht weiter und setzt auf zus盲tzliches Vertrauen und somit auf langfristigeren und nachhaltigen Frieden. Oder, um es in den Worten von auszudr眉cken: 鈥濼he only source of lasting security is [鈥 relationships of trust between neighbors that create healthy interdependencies 鈥 ecological and political. They are the hardest things to build, but also the hardest things to break once in place.鈥 Konkret bedeutet dies f眉r die Bundesregierung, Umweltschutz, Entwicklungszusammenarbeit und Krisenpr盲vention ressort眉bergreifend auf Environmental Peacebuilding auszurichten.
Um im Bild des einleitenden Sprichworts zu bleiben: Trocknet der See aus, hat der Fischer zwei M枚glichkeiten: Entweder er verschafft sich und seiner Familie (gewaltvoll) Zugang zu alternativen Lebensgrundlagen und l枚st damit eine Kette der Gewalt aus. Oder alle Beteiligten verstehen den R眉ckgang des Wasserstandes als gemeinsame Herausforderung und entwickeln Strategien, wie die Ressourcenknappheit zum Wohle aller 眉berwunden werden kann. Dies f眉hrt wiederum zur St盲rkung der Beziehungen zwischen den Gemeinschaften.
Auch Environmental Peacebuilding kritisch hinterfragen
Environmental Peacebuilding erm枚glicht einen Perspektivwechsel weg von der reinen Wahrnehmung von Umweltver盲nderungen als unvermeidliche Konfliktverst盲rker, hin zur Wahrnehmung als Chance f眉r Vertrauensaufbau und Zusammenarbeit. Nichtsdestotrotz sollte der Ansatz nicht als Allheilmittel verstanden werden. Wie jedes Projekt im Bereich Entwicklungszusammenarbeit, Umweltschutz und Krisenpr盲vention, k枚nnen auch Ma脽nahmen des Environmental Peacebuilding zu f眉hren. So wurde zum Beispiel 1998 der Friedenspark Cordillera del C贸ndor zur Unterst眉tzung der Entmilitarisierung und der Vertrauensbildung zwischen Ecuador und Peru eingerichtet. Der Park 眉berschneidet sich mit den Territorien der lokalen indigenen Bev枚lkerung, wurde aber ohne deren Konsultation demarkiert. Infolgedessen verloren die Menschen den (legalen) Zugang zu Gebieten in denen sie Lebensmittel, Holz und Heilpflanzen gesammelt haben. Diese Diskriminierung der indigenen Bev枚lkerung durch den Staat veranlasste lokalen Widerstand, schw盲chte die Legitimierung des Staates und gef盲hrdete die Lebensgrundlage der lokalen Bev枚lkerung.
Environmental Peacebuilding bei der deutschen EU-Ratspr盲sidentschaft mitdenken, Mittelk眉rzungen f眉r zivile Gewaltpr盲vention verhindern, friedensf枚rderndes Potenzial von Umweltma脽nahmen herausstellen
Environmental Peacebuilding sollte daher integrativ und kontextspezifisch angewendet werden. Gelingt dies, so kann Environmental Peacebuilding sowohl zum Umweltschutz beitragen, als auch friedliche und kooperative Beziehungen f枚rdern. F眉r die bevorstehende EU-Ratspr盲sidentschaft Deutschlands w眉rde dies bedeuten, dass Deutschland sich f眉r eine und hierbei Environmental Peacebuilding explizit mitdenkt. Konkret sollte Deutschland sich daf眉r stark machen, dass die Mittel f眉r zivile Gewaltpr盲vention und -transformation im nicht wie geplant gek眉rzt und durch massive Investitionen in Sicherheit und Verteidigung ersetzt werden. Auch f眉r die Ber眉cksichtigung von Frieden als Nebeneffekt kann Deutschland sich im Kontext des und in der MFR Rubrik Nat眉rliche Ressourcen und Umwelt einsetzen. 脛hnlich wie das Konzept , kann hier Environmental Peacebuilding den Umweltschutz als zunehmend erstrebenswertes, grenz眉berschreitendes und damit verbindendes Ziel etablieren und in der Koh盲sionspolitik der EU einen festen Platz erlangen. Als gutes Beispiel aus der EU F枚rderung ist das zu nennen. Dieses hat den wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalt mit Ma脽nahmen des nachhaltigen und integrativen Wirtschaftens und des Umweltmanagements im gesamten Einzugsbereich der Donau und damit in diversen Postkonfliktgesellschaften im Osten Europas gest盲rkt. Derartige Ans盲tze f枚rdern die Erarbeitung von gemeinsamen L枚sungen, die zu und zum Aufbau von Vertrauen f眉hren. Besonders in Zeiten von erstarkendem Populismus innerhalb der Grenzen der EU scheint es angemessen, die Haushaltmittel der EU Koh盲sionspolitik eher zu erh枚hen, als zu reduzieren. Fraglich ist auch die Ausrichtung der auf milit盲rische oder verteidigungspolitische Schwerpunkte; zivile Gewaltpr盲vention und Friedensf枚rderung sollten viel st盲rker aufgenommen werden. Dabei sollte auf das friedensf枚rdernde Potential von Umweltma脽nahmen zur眉ckgegriffen werden. Ebenso kann Deutschland auf globaler Ebene seine derzeitige Mitgliedschaft im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen nutzen, um den Klimawandel nicht ausschlie脽lich als Konflikttreiber darzustellen, sondern als gemeinsame Herausforderung und als Chance f眉r Environmental Peacebuilding. Dies w盲re ein starkes Zeichen in Richtung eines zukunftsf盲higen Engagements der Bundesregierung, um die Sustainable Development Goals, insbesondere das 16. Ziel 鈥濬rieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen鈥, zu erreichen.
Dieser Beitrag ist in Erstver枚ffentlichung auf dem erschienen. Ein Dank an die Autorin und den Autor sowie die Herausgebenden des PeaceLab-Blogs f眉r die Erlaubnis zum Repost.
脺ber die Autor*innen

Rebecca Froese ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin in der Forschungsgruppe Landnutzungskonflikte der Friedensakademie Rheinland-Pfalz an der Universit盲t Koblenz-Landau. F眉r ihre Dissertation forscht sie zu Umweltgovernance und Landnutzungskonflikten an der Grenze von Brasilien, Bolivien und Peru.

Jun.-Prof. Dr. Janpeter Schilling ist Klaus-T枚pfer-Stiftungsjuniorprofessor f眉r Landnutzungskonflikte am Institut f眉r Umweltwissenschaften der Universit盲t Koblenz-Landau und wissenschaftlicher Leiter der Friedensakademie Rheinland-Pfalz.

